Ereignisorientierte Eventkultur

Der alternative Blick

Die Nachwehen des Streitgesprächs zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein im Dresdner Kulturpalast Anfang März sind immer noch spürbar. Die gesellschaftliche Aufregung zeigt deutlich: Dresden ist weit entfernt von einer innergesellschaftlichen Streitkultur, die gegenteilige Meinungen nicht nur aushält, sondern darüber hinaus der Position des Gegenübers auch zubilligt, selbstverständlicher und bedenkenswerter Teil des Meinungsdiskurses zu sein. Dies aber ist nur durch gegenseitigen Respekt, durch die offene Bereitschaft zum Zuhören und Verstehen wollen möglich. Herrschaftsfreier Diskurs ist dieses Ideal in der Soziologie genannt wurden.

Mit der Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 wollte Dresden eigentlich neue Wege beschreiten: ein neues gesellschaftliches Miteinander entwickeln. Kunst könne dazu dienen, „miteinander zu diskutieren und gemeinsam das Zusammenleben in der Stadt zu gestalten“. So hieß es in dem Konzept zur Kulturhauptstadtbewerbung. Das besagte Streitgespräch der beiden bekannten Dresdner Literaten erfolgte daher auch im Zusammenhang der Kulturhauptstadtbewerbung.

Gleichzeitig wird derzeit unter dem Stichwort Kulturhauptstadtbewerbung jedes noch so abwegige Projekt zum Meilenstein für eine erfolgreiche Bewerbung Dresdens für 2025 erklärt, etwa der durch den Stadtrat - gegen die Stimmen der AfD-Fraktion - ebenfalls Anfang März verabschiedete Auftrag an den Oberbürgermeister zur Ausarbeitung eines Literaturförderkonzeptes. Ziel: unter anderem mehr Geld und bessere, von städtischer Seite organisierte Vernetzung der Dresdner Schriftstellerszene. Letztlich eine Förderung von unbekannten Autoren, die keiner lesen will.

Anstatt die Aussage von Uwe Tellkamp, es bestünde in Deutschland ein „Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung“, ernst zu nehmen, versuchen in Dresden die linken Fraktionen unter dem Deckmantel einer Literaturförderung die bestehende Schieflage in Sachen Meinungsfreiheit zu zementieren. So wird das Ideal des herrschaftsfreien Diskurses ad absurdum geführt. Die reale Gefahr besteht, dass gewünschte Meinung zukünftig noch stärker gefördert und somit in die Lage versetzt wird, noch wirksamer und mächtiger gegen gerade noch geduldete Meinung vorzugehen. Der Hund beißt bekanntlich nur ungern in die Hand, die ihn füttert.

Dem Ansinnen der Kulturhauptstadtbewerbung Dresdens wird eine solche Literaturförderung abträglich sein. Sie wird mehr spalten und den Riss vergrößern, anstatt heilen helfen. Auch das ist eine Nachwehe des Streitgesprächs im Kulturpalast: von einem neuen gemeinsamen Miteinander sind wir solange entfernt, wie die politische Linke versucht, Literatur und Kunst für sich zu instrumentalisieren.

Gordon Engler

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