Stadtrat am 25.02.2016 - Sanierung der 39. Grundschule

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

sehr geehrte Damen und Herren!

Selbstverständlich ist die Standortanpassung der 39. Grundschule in Dresden-Plauen ein erfreuliches und notwendiges Bauvorhaben. Deshalb ist diese Vorlage auch sehr zu begrüßen. Schaut man sich jedoch die Vorlage 0882/15 genauer an, sind erhebliche Ungereimtheiten festzustellen.

Sind 15 Millionen Euro für eine Erweiterung einer Grundschule von 2-zügig auf
4-zügig nicht etwas viel? Beispielsweise sind in einer Grundschule keine kostenintensiven Fachkabinette für naturwissenschaftliche Fächer notwendig.

Was wird da alles für 15 Millionen Euro an einem bestehenden Schulstandort gebaut? Etwa 75 % der bestehenden Gebäude werden abgerissen und die annähernd gleiche Kubatur wird neu gebaut.

Sind die zum Abbruch vorgesehenen Gebäude wirklich so schlecht und unsanierbar?

Die Sporthalle: Bei Typensporthallen aus Zeiten der DDR wird gar nicht mehr über Sanierung geredet. Abriss steht fest. Wie viele Sporthallen wurden in den vergangenen 25 Jahren in Dresden abgerissen? Waren die alle nicht mehr zu retten?

Wenn man gewollt hätte, wäre eine Sanierung in vielen Fällen vielleicht preiswerter gewesen. So auch im Fall der 39. Grundschule.

 

Das B-Haus: Das älteste Schulgebäude in Dresden-Plauen von 1876.

Ein 3-geschossiger Mauerwerksbau mit 18 Klassenzimmern für ca. 540 Schüler.

Im Jahr 2001 wurde das Dach mit Schiefer komplett erneuert, Kosten, aus dem Stadthaushalt bezahlt: ca. 310 000 DM. So ein solides Schieferdach hat normalerweise eine längere Nutzungsdauer als nur 14 Jahre, dass da der Abbruchbagger reingreifen soll, ist schon sehr merkwürdig.

Der Zustand des B-Hauses wird bewusst zielorientiert als nicht haltbar dargestellt. Von der Ferne klingt das alles plausibel. Wer sich vor Ort ein eigenes Bild macht wundert sich, so baufällig sieht es ja gar nicht aus.

Das entkräften sofort die Argumente des Schulverwaltungsamtes: ‚Die Geschossdecken sind nicht mehr tragfähig, kein Brandschutz möglich.‘.

Bei den Geschossdecken betrifft es bei weitem nicht alle, nur einige Decken in der obersten Etage zeigen unangenehme Schwingungserscheinungen und nicht sicherheitsrelevante Durchbiegungen. Diese Decken können durch neue Ziegeldecken ersetzt werden. Eine in der Sanierung übliche und altbauverträgliche Lösung, also eigentlich kein Problem.

Das großzügige Treppenhaus mit über 5 m breiten Granitstufen und angrenzenden Fluren gestattet eine sinnvolle Anordnung von verglasten Abtrennungen, welche die Ausbreitung von Rauchgasen verhindern und die notwendigen Fluchtwege sicherstellen.

Eine sinnvolle Anordnung eines neuen Verbinderbaus zum A-Haus und ein zusätzliches Fluchttreppenhaus könnten die Brandschutzproblematik lösen.

Hat man überhaupt ernsthaft versucht das traditionsreiche Schulhaus zu erhalten, oder war der Abriss eine ‚Bauchentscheidung‘?

Können wir uns solch einen Abriss von bestehenden Gebäuden leisten?

Die fehlenden Mittel bei unserem Schulbauprogramm sind bekannt. Sicher ist neu bauen attraktiver, aber nur wenn man es sich leisten kann.

Wenn man sich die Pläne für das Bauvorhaben anschaut, fragt man sich, gibt es im Hochbauamt eine Controlling-Abteilung, und wenn ja, funktioniert diese noch?

Die Sporthalle soll auf ihrer gesamten Grundfläche etwa 4 m tief in den Plauener Pläner eingegraben werden. Plauener Pläner ist ein lockeres Felsgestein; Erdaushub, Abtransport und Deponie der Massen verschlingt erhebliche Gelder.

Sind diese notwendig? Mit der Absenkung der Halle müssen aufwendige Treppenanlagen und eine lange Rollstuhlfahrerrampe angelegt werden, um die Zugänglichkeit zu realisieren. Aufgrund des Erddrucks müssen die Umfassungswände wesentlich tragfähiger ausgebildet und abgesteift werden. Im Erdreich müssen die Außenwände gegen Feuchtigkeit abgedichtet werden, wie der Vorlage zu entnehmen ist, sogar radonsicher.

Eine ebenerdige Anordnung der neuen Sporthalle ist durchaus möglich, wäre einfacher zugänglich und könnte Kosten sparen. Eine begehbare Sporthallenterrasse, wenn sie dann wirklich notwendig ist, kann auch bei ebenerdiger Sporthalle ausgeführt und mit einer Treppe erschlossen werden.

Die Schulgebäude erhalten zwei Aufzüge, obwohl sie durch einen Verbinderbau mit barrierefreien Gängen verbunden sind. Für eine 4-zügige Grundschule sind zwei Aufzüge schon eine Art Luxus.

Für den Anbau an das A-Haus sollen Bestandsfundamente unterfangen werden. Solche Spezialtiefbauarbeiten sind stets kostenintensiv. Der Neubau des Anbaus hätte, bei etwas geänderter Ausführung, sicher auch ohne Unterfangung geplant werden können.

Um im A-Haus ein Klassenzimmer mehr zu erhalten, sind erhebliche Umbauten am Bestand vorgesehen; ein sinnvolles Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen ist fraglich. Dieses eine Zimmer könnte kostengünstiger, statt der Umverlegung der Schulleitung, im Anbau angeordnet werden.

In der Kostenberechnung in der Anlage 16 der Vorlage ist das Teilobjekt 04 und 05 als Freiflächen bezeichnet und mit Kosten in Höhe von 2,1 Millionen Euro angegeben. Auch bei den Teilobjekten 01, 02 und 03 sind Kosten für Außenanlagen ausgewiesen, in der Summe etwa 150 000 Euro. Es sollen also an dem Schulstandort 39. Grundschule für ca. 2,25 Millionen Euro Freiflächen und Außenanlagen gebaut werden. Ist diese Summe bei fehlenden Mitteln im Schulbau vermittelbar?

Der Schulstandort der 39. Grundschule hat momentan im A-Haus 10 und im B-Haus 18 Klassenzimmer, also insgesamt 28 Klassenzimmer. In der Vorlage 0882/15 hat der neue Standort auch 28 Klassenzimmer, also Zimmererweiterung plus/minus Null, und das für 15 Millionen Euro.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich so ins Detail gegangen bin. Wie man sieht, lohnt sich eine genaue Prüfung der Schulbauvorlagen. Es sollte nichts vertrauensvoll durchgewunken werden, getreu dem Motto ‚Schulen sind wichtig‘. Gerade weil Schulen wichtig sind, sollten die Vorhaben kostengünstig geplant werden, damit das zur Verfügung stehende Geld für mehr Schulsanierungen reicht und nicht nur für einige mit gehobenem Standard.

Ist es so selbstverständlich, dass ein 140 Jahre altes Schulhaus nicht unter Denkmalschutz steht?

Warum ist das Vertrauen in das Landesamt für Denkmalschutz so groß, dass es Entscheidungen treffen kann, ohne sie begründen zu müssen?

Oder sind die einzigen Aussagen vom Denkmalamt zur Begründung ‚Es wurden Überformungen an der Fassade und Umformungen im Inneren vorgenommen‘ stichhaltige und konkrete Begründungen?

Auch mit schlichter Architektur kann ein Gebäude Denkmal sein, wenn man es möchte.

In Dresden-Plauen stehen sehr viele Gebäude unter Denkmalschutz, welche überwiegend wesentlich jünger sind als das B-Haus. Da ist es doch legitim, nach konkreten Gründen für einen Ausschluss als Denkmal zu fragen. Bisher kommt aber von den Denkmalämtern keine Antwort. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Oder kennt jemand von Ihnen die konkreten Gründe, warum das 140 Jahre alte
B-Haus nicht unter Denkmalschutz steht?

Das B-Haus steht etwa 20 m vom dem Friedhof entfernt, auf dem sich die Grabstelle, der für Plauen so bedeutenden, Familie Bienert befindet. Auch den Bau des
B-Hauses unterstützte Traugott Bienert 1875 mit finanziellen Zuwendungen. Weiterhin befindet sich an der Friedhofsmauer zum B-Haus das Familiengrab der Familie Fichtner. Baumeister Fichtner plante und überwachte 1875 den Bau der modernen Volksschule (heute B-Haus), welche damals als eine der ersten Schulen auf der Grundlage des neuen fortschrittlichen Sächsischen Schulgesetzes von 1873 gebaut wurde.

Ist der Abriss des B-Hauses verantwortungsvoller Umgang mit Geschichte?

Die zielorientierte Vorlage 0882/15 verschweigt all diese Hintergründe.

Mit der Zustimmung zu dieser Vorlage stimmen Sie für die unumkehrbare Vernichtung des ältesten Schulgebäudes von Dresden-Plauen.

Kennt jemand von Ihnen einen übersichtlichen Kostenvergleich zwischen der Variante Neubau mit Abbruch B-Haus und der Variante Umbau mit Sanierung
B-Haus?

In der Anfrage 380/15 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vom März letzten Jahres wird in Frage 2 ausdrücklich um einen Kostenvergleich beider Varianten gebeten. In der Antwort der Oberbürgermeisterin ist kein Kostenvergleich enthalten und es wird gar nicht auf diese Bitte eingegangen.

Eine Vorlage für ein Investitionsvolumen von 15 Millionen Euro sollte aber solch einen Kostenvergleich enthalten, um Transparenz zu gewährleisten und eine objektive Beurteilung zu ermöglichen. Der Kostenvergleich sollte nachgereicht werden, auch wenn in der Woche vor Weihnachten bereits die Abbrucharbeiten öffentlich ausgeschrieben wurden, obwohl wir erst heute darüber abstimmen sollen.

Das Argument des Schulverwaltungsamtes ‚wir brauchen diese Schule, wir haben keine Zeit für Umplanungen‘ darf uns nicht den klaren Blick für die Beurteilung dieser Vorlage nehmen. Wir sitzen nicht hier, um Projekte durchzuwinken.

Die 39. Grundschule kann auch mit Umplanungen planmäßig 2018 fertig werden, es ist nur eine Frage der ausreichenden Kapazität in Planung und Ausführung.

Gestatten Sie mir kurz noch ein Bezug zu der in der Vorlage 0830/15 behandelten
49. Grundschule. Die Lehrer und Schüler der 49. Grundschule wären eventuell froh, wenn sie eine Sporthalle wie die der 39. Grundschule und so ein Gebäude wie das B-Haus der 39. Grundschule hätten. Am Standort 39. Grundschule soll so etwas nun abgerissen werden. Wie muss man sich da in der 49. Grundschule fühlen?

Versäumnisse in der bisherigen Planung der Standorterweiterung 39. Grundschule dürfen nicht geduldet werden und dürfen nicht zu einer Schieflage in der Verhältnismäßigkeit der Mittelverteilung führen. Wir sollten uns nicht bei einigen „Leuchtturm-Projekten“ verausgaben, und andere Schulen bleiben auf der Strecke.

Leider geht der Abriss von sanierungswürdiger Substanz auch bei anderen Schulprojekten weiter. Am neuen Standort Gymnasium Süd-West (etwa 40 Millionen Euro) soll ein der 49. Grundschule ähnliches Gebäude abgerissen werden. Sicherlich kann man auf einem freigeräumten Baufeld Neubauten wesentlich besser positionieren, bei finanziellen Optimierungen arbeitet man aber unter Umständen eher mit dem Bestand.

Dass die zu DDR-Zeiten gebauten Schulen gefällig saniert werden können, hat das Hochbauamt bereits mehrfach bewiesen, zum Beispiel bei der 30. Oberschule, auch so ein Typ wie im Gymnasium Süd-West, in der Nähe des Kleinen Hauses am Untern Kreuzweg zu sehen.

Die neu gebauten und sanierten Gymnasien haben in den vergangenen Jahren in Dresden im Schnitt etwa 25 Millionen Euro gekostet. Sind da die 15 Millionen für eine Erweiterung der 39. Grundschule angemessen? Ein Punkt, der bei der Abstimmung zu berücksichtigen wäre.

Viele Fragen bleiben also offen.

Gehen wir verantwortungsvoll und kritisch mit unseren Schulbau-Millionen um!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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